Pressemitteilung

IGeL-Monitor: Keine Studien zu Schilddrüsen-Check

Essen, 4. Mai 2017

Wer wissen möchte, ob seine Schilddrüse gut funktioniert, kann zum Beispiel einen sogenannten TSH-Test auf eigene Rechnung machen lassen. Ob so ein Test etwas nützt, ist jedoch fraglich. Der IGeL-Monitor bewertet die TSH-Bestimmung zum Schilddrüsen-Check mit „tendenziell negativ“.  

Wissenschaftler des IGeL-Monitors wollten herausfinden, ob der TSH-Test bei Menschen ohne Beschwerden dazu beitragen kann, dass sie seltener oder weniger stark an der Schilddrüse erkranken oder an den Folgen der Krankheit sterben. Ergebnis: Die Bewertung des TSH-Tests zum Schilddrüsen-Check fiel „tendenziell negativ“ aus. Sie fanden keine Studien, die einen Nutzen untersucht haben, sehen es aber als wahrscheinlich an, dass es in der Folge einer TSH-Bestimmung zu indirekten Schäden kommen kann. Diese Bewertung gilt für nicht-schwangere Erwachsene ohne Beschwerden, die auf eine Schilddrüsen-Erkrankungen zurückgehen könnten. Welchen Nutzen und Schaden die IGeL für Schwangere hat, wurde also nicht untersucht.  

Die Schilddrüse produziert Hormone, die wichtige Vorgänge im Organismus steuern, etwa den Energiestoffwechsel, den Kalzium- und Phosphatstoffwechsel, das Wachstum und die Entwicklung sowie Vorgänge in der Muskulatur, dem Herzkreislaufsystem und dem Nervensystem. Die Schilddrüse selbst wird auch von einem Hormon gesteuert, dem sogenannten TSH. TSH steht für Thyreoidea-stimulierendes Hormon. Das Hormon wird in einer Drüse im Gehirn gebildet und kann im Blut gemessen werden.  

Wenig TSH deutet darauf hin, dass die Schilddrüse zu viele Hormone ausschüttet (Hyperthyreose), zu viel TSH deutet darauf hin, dass die Schilddrüse zu wenige Hormone ausschüttet (Hypothyreose). Solche Fehlfunktionen können weitreichende Auswirkungen auf das Wohlbefinden, die Fitness und diverse Krankheiten haben. Eine Ursache für eine Unterfunktion kann beispielsweise zu wenig Jod in der Nahrung sein. Der "Kropf", medizinisch "Struma", der ebenfalls oft auf Jodmangel zurückgeht, muss aber nicht unbedingt ein Zeichen für eine Fehlfunktion der Schilddrüse sein.  

Für die TSH-Bestimmung wird einem Menschen Blut abgenommen. Im Labor wird der Wert dann ermittelt. Diese Messung ist nicht immer zuverlässig, denn der TSH-Wert hängt auch von Faktoren ab, die nichts mit der Funktion der Schilddrüse zu tun haben: So kann der TSH-Wert während einer Krankheitsphase besonders niedrig sein, auch können verschiedene Substanzen und Medikamente wie Jod, Dopamin und Kortison den TSH-Spiegel beeinflussen.  

Für das Abklären von Beschwerden, die mit der Schilddrüse zusammenhängen könnten, ist die TSH-Messung ebenso etablierter Standard wie für die Kontrolle einer Therapie. Da die Schilddrüsen-Hormone für die Entwicklung besonders wichtig sind, werden Neugeborene seit 2005 auf eine angeborene Schilddrüsen-Unterfunktion getestet. All diese Untersuchungen sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen.  

Bei Menschen ohne konkrete Beschwerden ist die TSH-Bestimmung dagegen eine IGeL und muss aus eigener Tasche bezahlt werden. Sie wird oft zusammen mit einem Ultraschall als "Schilddrüsen-Check" angeboten. Eine TSH-Messung mit Blutentnahme kostet 20 bis 30 Euro.  

Für ihre Bewertung suchten die Wissenschaftler des IGeL-Monitors in Datenbanken nach entsprechenden Studien. Die Suche ergab eine aktuelle Übersichtsarbeit. Die Autoren der Übersichtsarbeit fanden jedoch keine Studien, die der Frage nach Nutzen und Schaden des Schilddrüsen-Checks nachgegangen sind. Die Autoren fanden aber Studien, die mehrheitlich zeigen, dass eine frühe Behandlung einer Schilddrüsenerkrankung keine Vorteile bringt. Es ist also unwahrscheinlich, dass die TSH-Bestimmung zur Früherkennung einen Nutzen hat, aber letztlich weiß man es nicht genau.  

Auf mögliche Schäden kann man zumindest indirekt schließen: Jede Früherkennungs-untersuchung birgt die Gefahr, dass Menschen unnötig verunsichert und behandelt werden. Diese Gefahr ist bei der TSH-Bestimmung besonders groß: Da nur ein Bruchteil der Menschen mit auffälligen TSH-Werten später Beschwerden bekommt, müssten die meisten Menschen die Nebenwirkungen einer Behandlung unnötigerweise in Kauf nehmen.  

Hintergrund:

Unter www.igel-monitor.de erhalten Versicherte evidenzbasierte Bewertungen zu sogenannten Selbstzahlerleistungen. Entwickelt wurde die nicht-kommerzielle Internetplattform vom Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS). Der MDS berät den GKV-Spitzenverband in allen medizinischen und pflegerischen Fragen, die diesem qua Gesetz zugewiesen sind. Er koordiniert und fördert die Durchführung der Aufgaben und die Zusammenarbeit der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) auf Landesebene in medizinischen und organisatorischen Fragen.  

Die IGeL „TSH-Bestimmung zum Schilddrüsen-Check“ ist die 42. Leistung, die der IGeL-Monitor inzwischen bewertet hat. Bislang gab es folgende Bewertungen:  

positiv                                                 0
tendenziell positiv                            3
unklar                                               15
tendenziell negativ                         18
negativ                                                4
in Überarbeitung                               2  


Vier weitere IGeL wurden nicht bewertet, sondern nur besprochen.  

Zur Bewertung der IGeL „TSH-Bestimmung zum Schilddrüsen-Check“ im IGeL-Monitor

Weitere Informationen
Ihre Ansprechpartnerin
Dr. Christian Weymayr

Projektleitung IGeL-Monitor
Tel: +49 1577 6811061
E-Mail: c.weymayr@igel-monitor.de