Pressemitteilung

IGeL-Monitor: HRT zur Früherkennung eines Glaukoms mit „tendenziell negativ“ bewertet

Essen, 12. Dezember 2019

Zur Früherkennung eines Glaukoms bieten viele Augenärztinnen und Augenärzte verschiedene Verfahren als Selbstzahlerleistung an. Dazu gehört auch die Heidelberg Retina Tomographie (HRT), die der IGeL-Monitor jetzt erstmals unter die Lupe genommen hat. Insgesamt sieht der IGeL-Monitor keinen Nutzen, aber mögliche Schäden der HRT zur Glaukom-Früherkennung. Die Bewertung lautet deshalb „tendenziell negativ“. Nach wie vor mit „tendenziell negativ“ bewertet der IGeL-Monitor auch die Kombination aus Augenspiegelung und Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung. Die erste Bewertung dieser Kombi-Untersuchung aus dem Jahr 2015 wurde jetzt aktualisiert.

Das Glaukom, auch „Grüner Star“ genannt, ist eine weit verbreitete Augenkrankheit, die den Sehnerv schädigt und schlimmstenfalls zur Erblindung führen kann. Alle Verfahren zur Früherkennung – also zur Untersuchung von Menschen ohne Beschwerden oder besondere Risiken – sind Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, und müssen von Versicherten selbst bezahlt werden. Zu den Verfahren zählt in erster Linie die Kombination aus Augeninnendruckmessung und Augenspiegelung. Darüber hinaus bieten die meisten augenärztlichen Praxen noch weitere Maßnahmen an, wie etwa die Heidelberg Retina Tomographie, kurz HRT. Die HRT wird für verschiedene Einsatzgebiete angeboten – für welche, ist von Praxis zu Praxis unterschiedlich. Eine Recherche des IGeL-Monitors bei 50 augenärztlichen Praxen, die die HRT anbieten, zeigt: Etwa 70 Prozent der Praxen bieten die HRT explizit zur Glaukom-Früherkennung an. Die Untersuchung kostet in der Regel zwischen 70 und 120 Euro.

Aber was haben Patientinnen und Patienten tatsächlich davon? Um den Nutzen der HRT ermitteln zu können, ist das wissenschaftliche Team des IGeL-Monitors zunächst folgender Frage nachgegangen: Lässt sich bei Menschen ohne Beschwerden ein Glaukom, das mit Hilfe der HRT in einem frühen Stadium entdeckt wurde, aufhalten oder der Verlauf der Erkrankung zumindest abschwächen?

Um dies zuverlässig beantworten zu können, braucht man Studien, die Personen mit HRT-Früherkennung und Personen ohne HRT-Früherkennung vergleichen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IGeL-Monitors haben zwei Übersichtsarbeiten zur Glaukom-Früherkennung gefunden. Deren Autorinnen und Autoren konnten jedoch bei ihren Recherchen keine Studien zur konkreten Frage nach dem Nutzen einer Früherkennung mit HRT ermitteln. Das Team des IGeL-Monitors konnte ebenfalls keine einzelnen Studien zu dieser Frage finden.

In einem zweiten Schritt fragte der IGeL-Monitor, ob ein früher Therapiebeginn bessere Ergebnisse erzielt als ein später. Konkret: Können Augentropfen zur Senkung des Augeninnendrucks und andere Therapien ein frühes Glaukom besser als ein spätes Glaukom aufhalten oder den Krankheitsverlauf zumindest besser abschwächen? „Frühes Glaukom“ heißt, dass die Krankheit noch keine Beschwerden bereitet hat und nur durch eine Früherkennungsuntersuchung entdeckt wurde. „Spätes Glaukom“ bedeutet, dass die Krankheit bereits Beschwerden verursacht hat und deshalb entdeckt wurde. Um das zuverlässig beantworten zu können, braucht man Studien, die Personen mit früher und später Behandlung vergleichen. Es fanden sich 7 Studien, die zumindest ähnliche Fragen beantwortet haben. So richtig gut passt jedoch keine Studie, weil die Personen in den Studien nicht die richtigen Voraussetzungen erfüllten, sie zu einem anderen Zeitpunkt behandelt wurden oder weil die Beobachtungszeit zu kurz war.

Und die Schäden? Direkte Schäden der HRT sind bei sachgemäßem Einsatz nicht zu erwarten. Die HRT kommt ohne Berührung des Auges aus und verwendet nur schwaches Licht, das die Sehzellen nicht schädigt. Indirekte Schäden können bei Früherkennungsuntersuchungen grundsätzlich entstehen. Das lässt sich auch auf die Glaukom-Früherkennung übertragen: Demnach können Glaukome übersehen, Veränderungen am Sehnerv fälschlich als krankhaft eingestuft und frühe Glaukome unnötigerweise behandelt werden, weil sie nie zu einer Sehbeeinträchtigung geführt hätten. Augentropfen zur Drucksenkung sind zwar in der Regel gut verträglich, können aber durchaus Nebenwirkungen haben.

Insgesamt sieht der IGeL-Monitor keinen Nutzen, aber mögliche Schäden der HRT zur Glaukom-Früherkennung. Die Bewertung lautet deshalb „tendenziell negativ“.

Auch die Bewertung der Augenspiegelung mit Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung hat sich mit der Sichtung der seit 2015 erschienenen Studien nicht geändert und fällt weiterhin „tendenziell negativ“ aus. Inklusive der Optischen Kohärenztomographie (OCT) zur Glaukom-Früherkennung, die im August 2019 ebenfalls mit „tendenziell negativ“ bewertet wurde, sind die am meisten verbreiteten IGeL-Angebote in der augenärztlichen Praxis, mit denen nahezu jede Praxisbesucherin und jeder Praxisbesucher konfrontiert wird, im IGeL-Monitor mit einer aktuellen Bewertung vertreten.

Dabei ist wichtig zu beachten: Da es keine Studien gibt, die die Frage nach dem Nutzen der Früherkennung untersucht haben, kann man auch nicht ausschließen, dass es diesen Nutzen gibt. Bei der Abwägung von Nutzen und Schaden kann man deshalb individuell zu einem anderen Ergebnis kommen. Das gilt vor allem dann, wenn man die bloße Hoffnung auf ein frühes Erkennen und mögliches Hinauszögern einer Sehverschlechterung als Vorteil ansieht.

Alterskrankheit Glaukom

Mit zunehmendem Alter steigt das Glaukom-Risiko. Eine Auswertung von Daten der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) von 2019 ergab folgende Zahlen: In der Altersgruppe 50 bis 59 haben etwa 1 Prozent ein Glaukom, in der Gruppe 60 bis 69 etwa 3 Prozent, in der Gruppe 70 bis 79 sind es etwa 5 Prozent. In den höheren Altersgruppen steigt die Häufigkeit nicht mehr an. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Laut Deutscher Ophthalmologischer Gesellschaft rechnet man in Deutschland jährlich mit gut 1.000 neuen Erblindungen aufgrund eines Glaukoms.

Behandelt wird mit Medikamenten, Laser und chirurgischen Verfahren. Unmittelbares Ziel der Behandlung ist es meist, den Augeninnendruck zu senken. Das gilt auch dann, wenn der Druck gar nicht erhöht ist. Ein bereits geschädigter Sehnerv erholt sich dadurch aber nicht mehr. Ein Glaukom ist also nicht heilbar. Eine Senkung des Augeninnendrucks soll vielmehr bewirken, dass das Glaukom sich nicht weiter entwickelt und das Augenlicht erhalten bleibt.

Hintergrund:

Unter www.igel-monitor.de erhalten Versicherte evidenzbasierte Bewertungen zu sogenannten Selbstzahlerleistungen. Entwickelt wurde die nicht-kommerzielle Internetplattform vom Medizinischen Dienst des GKV-Spitzenverbandes (MDS). Der MDS berät den GKV-Spitzenverband in allen medizinischen und pflegerischen Fragen, die diesem qua Gesetz zugewiesen sind. Er koordiniert und fördert die Durchführung der Aufgaben und die Zusammenarbeit der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) auf Landesebene in medizinischen und organisatorischen Fragen.

Die IGeL „HRT zur Früherkennung eines Glaukoms“ ist die 52. Leistung, die der IGeL-Monitor inzwischen bewertet hat. Bislang gab es folgende Bewertungen:

positiv                                               0
tendenziell positiv                          2
unklar                                               20
tendenziell negativ                         23
negativ                                              4
in Überarbeitung                             1
durch neue Bewertung ersetzt      1
zu GKV-Leistung geworden            1

Vier weitere IGeL wurden nicht bewertet, sondern nur besprochen.

Zur Bewertung „HRT zur Früherkennung eines Glaukoms“ im IGeL-Monitor

Weitere Informationen
Ihre Ansprechpartnerin
Michaela Gehms

Pressesprecherin
Tel: +49 201 8327-115
Mobil: 0172 3678007
E-Mail: m.gehms@mds-ev.de